Klassische Reitlehre

Klassisches Reiten bedeutet für mich, sich nach den Prinzipien der Reitvorschrift (Ausgabe von 1926) und der Wiener Schule zu richten. Beide Schulen habe eine gemeinsame Grundausbildung, die sogenannte Campagneschule. Der einzige Unterschied beider Lehren besteht in der Zielsetzung. Während in der Spanischen Hofreitschule immer das Reiten und die Pferdeausbildung bis hin zur Hohen Schule im Vordergrund stand, war ein erklärtes Ziel der Reitvorschrift auch ein Pferd, welches vom Durchschnittsreiter im Gelände zu beherrschen war. Beiden gemeinsam war immer die Gesunderhaltung des Pferdes.


Die Gründe, warum  für mich die klassische Reitlehre gemäß der Reitvorschrift und der Wiener Schule die Richtschnur in der Pferdeausbildung ist:

- weil sie sich in der Ausbildung nach der Natur des Pferdes richtet, in physischer und psychischer Hinsicht

- weil sie auf eine Gesunderhaltung der Pferde ausgerichtet ist

- weil sie auf ein vertrauensvolles Miteinander setzt

- weil sie darauf ausgerichtet ist, dass das Reiten mit feinen,zeichenartigen Hilfen geschieht

- weil ich durch die jahrelange Pferde- und Reiterausbildung selbst

erfahren habe, wie logisch diese Form der Ausbildung ist

- weil ich es bei der Ausbildung des Pferdes nach der klassischen Reitlehre ethisch vertreten kann, ein Pferd für meine Zwecke reiterlich zu nutzen

- weil ich durch die Ausbildung gemäß der Reitvorschrift die Grundlage für eine vielseitige Ausbildung mit dem Pferd lege: Für die Dressur, das Geländereiten, das Springen, das gebisslose Reiten, die Boden-arbeit, die Freiheitsdressur

Mein praktisches und theoretisches Wissen über die klassische Reitlehre habe ich in erster Linie von Gert Schwabl von Gordon erfahren und darf glücklicherweise weiterhin an seinem großen Wissensschatz teilhaben. Herr Schwabl von Gordon ist ein Ausbilder, der nicht von der klassischen Lehre abweicht. Er hat sein Wissen aus erster Hand von seinem Vater Walter Schwabl, der als Reitlehrer an der Kavallerieschule Hannover tätig war.

Die Reitvorschrift wurde zur Zeit der Kavallerieschulen entwickelt. Die berühmteste davon ist die Kavallerieschule Hannover, zu der die besten Reiter der damaligen Zeit berufen wurden. Die H.DV. 12 (Reitvorschrift) ist also das Ergebnis von jahrhundertealtem, überlieferten Wissen und den Erfahrungen der besten Ausbilder der damaligen Zeit, in der die Ausbilder ein Leben lang den ganzen Tag mit der Pferdeausbildung und dem Reiten zu tun hatten. Um eine einheitliche Ausbildungsvorschrift zu erhalten, wurde die Reitvorschrift verfasst, welche den Anspruch auf die wichtigen Grundsätze der Reitlehre und Wissenschaftlichkeit erhebt.

 

Die Reitvorschrift richtet sich nach der Natur des Pferdes. Das Pferd soll unter dem Reiter sein Gleichgewicht und seine natürlichen Bewegungen wiederfinden.

Heutzutage wird oft argumentiert, man könnte die Leitlinien der klassischen Reitlehre verändern, weil die Pferde sich im Vergleich zu der Zeit der Kavallerieschule Hannover weiterentwickelt hätten. Das kann aber nicht verallgemeinernd gesagt werden, denn wenn man Fotos aus dieser Zeit betrachtet, so fällt auf, dass es schon damals viele edle, unseren heutigen Pferden ähnliche, Pferde gab. Außerdem hat sich der Knochenbau des Pferdes nicht verändert, so dass es unbedingt sinnvoll ist, weiterhin nach den bewährten, jahrhundertealten Grundsätzen der H.Dv. 12 auszubilden und sich nicht von neumodischen Strömungen beeinflussen zu lassen.

 Im Schulstall der Kavallerieschule wurde wie in der Spanischen Reitschule in Wien, bis auf die Schulsprünge, die Hohe Schule gelehrt. Die Heeresdienstvorschrift ist also keinesfalls, wie heute oft angenommen wird, eine Ausbildung, die ausdrücklich für die Pferde des Militärs galt, sondern eine umfassende, wenn auch deutlich zusammengefasste Reitlehre, für alle Bereiche der Pferdeausbildung. Allerdings war man sich zu der Zeit der Kavallerieschule Hannover schon der Schwierigkeiten, die die höhere Dressurausbildung für den nicht so versierten Reiter besitzt, durchaus bewusst. Deswegen war für die Reitvorschrift nicht vorrangig die hohe Dressurausbildung das Ziel, sondern die Pflege der Grundprinzipien der Dressur.

 "Die Klassische Lehre kann in der Regel nicht besser zum Ausdruck kommen, als durch das Einhalten der überlieferten Grundsätze wie sie von hervorragenden reiterlichen Fachleuten in der HDV12 beschrieben (...) werden.“(Paul Stecken, Die klassische Reitlehre in der Praxis gemäß der H.Dv. 12, Rieskamp/Schwabl, Olms, 2011)

Klassische Reitausbildung

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